Geschichte des Lagers

Die deutsche Rüstungsindustrie wurde erstmals 1942 in Vaihingen aktiv, als in dem aufgelassenen Steinbruch der Firma Baresel Versuche mit dem Katapult der V 1 (Projektname Fi 103) angestellt wurden. Vaihingen fungierte dabei als Außenstelle der Forschungsanstalt Graf Zeppelin des Reichsluftfahrtministeriums, die 1941 in Stuttgart-Ruit eingerichtet worden war. Von einem original Heinkel-Katapult wurden anstelle der Flugkörper schwere Eisenklötze gegen die Wand des Steinbruchs verschossen und dabei Geschwindigkeit sowie Beschleunigungs- und Druckverlauf im Katapult gemessen und automatisch aufgezeichnet.


Das Arbeitslager Vaihingen/Enz

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Die Kenntnis von dem abgelegenen und gegen das Enztal abgeriegelten Steinbruch bewogen den am 1. März 1944 in Berlin eingerichteten »Jägerstab«, der u. a. die Verlagerung von Rüstungsbetrieben in unterirdische Bunkerwerke betrieb, hier einen der sechs projektierten »Großbunker« zu errichten. Auf einer Fläche von rund 80.000 m² sollten Flugzeugteile für die Firma Messerschmitt produziert werden. Bereits im April begann die Einrichtung der Baustelle »Stoffel« im Steinbruch und auf den angrenzenden Äckern durch die Organisation Todt (OT). Gleichzeitig entstanden mehrere Barackenlager zur Aufnahme von Material und Arbeitsgeräten sowie von Arbeitskräften der OT im Egelsee und von Fremdarbeitern im unteren Glattbachtal. Am 6. Mai erfolgte die weiträumige Sperrung des Bau- und Lagergeländes für Zivilisten. Landwirte benötigten Passierscheine zur Bewirtschaftung ihrer Äcker.

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Im oberen Glattbachtal entstand, als Außenlager des KZ Natzweiler im Elsaß, ein Arbeitslager für KZ-Häftlinge, die der »Vernichtung durch Arbeit« preisgegeben werden sollten. Auf einer Fläche von 80×180 Metern errichtete die OT vier Häftlingsbaracken, eine Krankenbaracke, eine Waschbaracke und eine Häftlingsküche, alles von einem doppelten Stacheldrahtzaun umgeben. Lagerführer war Friedrich Berlinghof; Kommandant der Wachmannschaft Wilhelm Lautenschlager, dem auch die Wachmannschaften in Kochendorf, Hessental und Unterriexingen unterstellt wurden. Nachdem Ende September Lagerführer Berlinghof nach Guttenbach versetzt worden war, trat Lautenschlager die Nachfolge an; dieser blieb aber, was außergewöhnlich war, auch Kommandant der Wachmannschaften. Am 9. August erfolgte die Überstellung von 2.189 Häftlingen von Auschwitz zum Bauprojekt »Stoffel«. Es waren ausschließlich Juden aus dem KZ Radom/Polen, die dort am 24. Juli evakuiert, auf der »Rampe« von Auschwitz »selektiert« und als arbeitsfähig eingestuft worden waren. 2187 von ihnen trafen am 11. August in Vaihingen ein – zwei waren auf dem Transport gestorben. Da sie sich in einem verwahrlosten, verlausten Zustand befanden, wurden sie nach Bietigheim in das dortige Durchgangslager gebracht, und einer Bade- und Entlausungsaktion unterzogen, bevor sie im KL Vaihingen/Enz aufgenommen wurden, das die Wachmannschaften ironisch-verharmlosend als KZ »Wiesengrund« bezeichneten. Bereits am 7. September wurden 24 Häftlinge auf Antrag des Vaihinger Bürgermeisters abgestellt und beim Bau von Luftschutzstollen in Vaihingen eingesetzt. Sie blieben von da an im Straßenbild der Stadt präsent, ebenso in Kleinglattbach, wo auf dem Gutshof der Familie v. Neurath ein Arbeitskommando bestand.

Das »SS-Kranken- und Erholungslager«

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Ende Oktober wurden die Arbeiten am Projekt »Stoffel« eingestellt und das Lager in ein »SS-Kranken- und Erholungslager« umgewandelt, als das es offiziell ab 1. Dezember fungierte. Gleichzeitig wurde das Lager um eine Baracke erweitert. Ab 15. Oktober wurden die meisten Häftlinge des Arbeitslagers auf andere Projekte verteilt: nach Hessental, Dautmergen, Bisingen und nach Unterriexingen. Danach befanden sich in Vaihingen noch 178 Häftlinge, die nicht arbeitsfähig waren, weitere 200 wurden im Steinbruch mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt.
Am 10. November traf der erste Transport mit Kranken ein, und zwar aus den Lagern der Gruppe »Wüste«. Unter ihnen befanden sich Russen, Polen, Franzosen, Italiener, Griechen, Belgier, Holländer, Norweger, Deutsche – schließlich finden sich Menschen aus über 20 Nationen in Vaihingen. Sie wurden bei vollkommen unzureichender Ernährung in den ungeheizten Baracken ihrem Schicksal überlassen. Der deutsche Lagerarzt zeigte kein Interesse an ihrem Zustand.
Auch nachdem im Januar 1945 zwei Häftlingsärzte aus Neckarelz überstellt wurden, besserte sich die Lage nicht, da ihnen weder Hilfsmittel noch Medikamente zur Verfügung standen. Als am 16. Februar mit einem Transport aus Haslach Flecktyphus einschleppt wurde, brach eine Epidemie aus, die bis zu 33 Tote pro Tag forderte und Vaihingen in ein Todeslager verwandelte. Der letzte Transport mit 144 Häftlingen aus Mannheim-Sandhofen erreichte Vaihingen am 11. März.

Die Befreiung

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Anfang April erging der Befehl zur Evakuierung des Lagers. Die Gehfähigen wurden in zwei Transporten per Bahn nach Dachau verbracht, wo 515 Mann registriert wurden.
Die Befreiung des Lagers durch französische Truppen erfolgte am 7. April. Der französische Militärarzt Dr. Rossi berichtete von 650 Überlebenden, die im Lager Vaihingen verblieben waren und jetzt umgehend evakuiert wurden: Am 9./10. April wurden 73 Häftlinge aus Frankreich, Holland und Belgien nach Speyer gebracht, am 13. April die polnischen, russischen und deutschen Ex-Häftlinge nach Neuenbürg bei Bruchsal transportiert, wo sie bis Anfang Juni in Quarantäne gehalten wurden.
126 ehemalige Häftlinge, die nicht transportfähig waren, wurden in das Vaihinger Krankenhaus eingeliefert, zu denen weitere 60 aus Neuenbürg kamen. Bis zum Ende des Jahres starben 84 von ihnen, die auf dem Vaihinger Friedhof begraben wurden. Die Baracken des Häftlingslagers wurden unmittelbar nach der Räumung am 16. April wegen der von ihnen ausgehenden Seuchengefahr niedergebrannt.

Die Täter vor Gericht

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Die SS-Männer, die im Vaihinger Lager eingesetzt waren, wurden von den Besatzungsmächten zum großen Teil ergriffen, in Dachau inhaftiert und vernommen. Am 22. November 1946 lieferten die US-Amerikaner Angehörige der SS-Wachmannschaft an Polen aus, denen etwa ein Jahr später in Radom der Prozess gemacht wurde. Arbeitseinsatzführer Möller stand in Lublin vor Gericht, das ihn zum Tode verurteilte. In den Monaten Oktober und November 1947 fand vor dem französischen Tribunal in Rastatt ein Prozess gegen 42 ehemalige Angehörige der SS-Wachmannschaften der Außenlager Vaihingen, Unterriexingen, Hessental und Kochendorf statt, die dem Kommando von Lautenschlager unterstanden hatten. Gegen zehn Angeklagte wurde die Todesstrafe verhängt, Lautenschlager wurde zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt, acht Angeklagte wurden freigesprochen.

Der KZ-Friedhof

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Bereits im Oktober 1945 musste die Stadt Vaihingen einen KZ-Friedhof über den Massengräbern anlegen. In den Monaten März bis September 1954 wurden jedoch die Gräber durch eine französische Kommission geöffnet, die insgesamt 1488 Leichen barg. Bei der Untersuchung der sterblichen Überreste konnten 223 Tote identifiziert werden, die in ihre Heimatländer überführt wurden.

Überlebende gedachten ihren ermordeten Kameraden, April 1945
Überlebende gedachten ihren ermordeten Kameraden, April 1945

Auf dem 1956 bis 1958 angelegten Ehrenfriedhof setzte man die sterblichen Überreste der nicht identifizierten Opfer bei. Erste Beschädigungen und Schmierereien erfolgten schon kurz nach der Einweihung am 2. November 1958; weitere Schändungen folgten in den Jahren 1990, 2003 und 2005. Dagegen erhoben sich Stimmen des Protests, nicht zuletzt bei den Gedenkfeiern, die seit 1977 regelmäßig stattfinden. Mit einer eindrucksvollen Feier gedachte die norwegische Regierung 2005 ihrer Toten, an die seitdem eine Gedenktafel erinnert.

 

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Friedhofsschändungen

„Der KZ-Friedhof geriet schnell in das Visier von Rechtsextremisten. Im Dezember 1958, nur wenige Wochen nach der Einweihung, wurden Beschädigungen entdeckt. Unbekannte hatten »das Ehrenmal beschmutzt, eine Vase zerstört und die in der Vase eingepflanzten Blumen willkürlich herausgerissen«. In der Nacht zum Sonntag, dem 14. Oktober 1990, erfolgte die bislang massivste Schändung, von der die Friedhöfe in Unterriexingen und Vaihingen betroffen waren: »Allein in Vaihingen wurden 138 Grabsteine mit Hakenkreuzen, SS-Runen und antisemitischen Parolen besprüht. Einige waren herausgerissen und zu einem großen Hakenkreuz zusammengelegt worden – eine Untat, die auch im Ausland aufmerksam registriert wurde.«

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Herausgerissene Grabsteine zu einem Hakenkreuz geformt, Oktober 1990
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Schmierereien an der Friedhofsinnenmauer, Oktober 1990

Am 18. Oktober 1990 führte eine Protestveranstaltung mehr als 1000 Menschen auf den Friedhof. Dem Aufruf der Kirchen folgend, zogen die Menschen in drei Schweigemärschen von Ensingen, Kleinglattbach und Vaihingen aus zum Friedhof, wo Dekan Weimer und Oberbürgermeister Heinz Kälberer zu ihnen sprachen.

Die zumeist jugendlichen Täter, die aus der unmittelbaren Umgebung Vaihingens, aus Hohenhaslach, Illingen und Mühlacker stammten und als Neonazis auftraten, wurden gefasst und im Februar 1991 vom Landgericht Stuttgart zu Freiheitsstrafen verurteilt. Antisemitische  Schmierereien, Friedhofs- und Grabschändungen, die 2003, 2005 und 2008 erfolgten, blieben ungeahndet, da die Täter nicht ermittelt wurden.“(Absatz Friedhofsschändungen zitiert nach Dr. Manfred Scheck: Rede anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des KZ-Vaihingen/Enz gehalten am 11. April 2015, unveröffentlichtes Manuskript)